Vergesellschaftung

Meerschweinchen sind Rudeltiere. Jedes Rudel hat seine eigene Rangordnung. Kommt ein neues Tier hinzu, muss es seinen Platz darin finden. Aber auch Tiere, die schon länger beieinander sind, kämpfen in bestimmten Situationen die Rangfolge neu aus. Ich will hier meine Beobachtungen bei Böckchen schildern.
Inhalt

Möhrwin nimmt Kontakt auf

Die Regeln vorweg

Die Vergesellschaftung kann, darf, sollte in einem allen Tieren unbekannten, interessant eingerichteten Terrain erfolgen. Einige Halter setzen die neuen Tiere einfach zu den Alten. Es kommt auf die Gruppe an. Seit ihr unerfahren oder auch nur im Mindesten unsicher, nehmt besser das neutrale Teritorium, den unbekannten Auslauf.

  • Möglichkeiten provisorischen Auslauf einrichten in einem, den Tieren unbekannten Raum
  • komplette Umgestaltung des üblichen Auslaufes samt Bodenbelag (auflegen frisch gewaschener Flickenteppiche z.B.)

Folgen der Nichtbeachtung können sein:

  • höhere Aggressivität
  • höherer psychischer Stress, der bis zum Tod durch Organversagen führen kann

zu erwartende Abfolge

Nach einigen Stunden, wenn Ruhe einkehrte, kann man die Tiere in ihr komplett gemistetes, umgestaltetes Gehege zurück setzen. Man bleibt jedoch noch eine Weile dabei zum Beobachten. In den ersten drei Tagen werden die Ränge ausgefochten, die Ruhepausen zwischen den einzelnen Diskussionen werden nach und nach länger. Anschließend sollte Ruhe in das Rudel einkehren. Nach zwei Wochen kann es noch einmal zu Rangstreitigkeiten kommen, wenn man ein Tier in eine bestehende Gruppe integrierte. Dieses Tier lebte sich dann ein, fühlt sich selbstbewusster und stärker als zu Beginn. Auch diese Kampfphase sollte nach etwa einer Woche beendet sein.

Bitte beachtet, dass die Kämpfe sowohl tagsüber als auch nachts geführt werden. Wer bei seinen Tieren im Raum schläft, sollte Schlaflosigkeit einplanen.

2 Böcke - schnell geklärt

Vergesellschaftung von 2 Babieböcken

Kehle zeigen auch im Alter

Vergesellschaftung Alt mit Jung

Eine Hand voll Böckchen vielleicht gerade mal 300g schwer wirkt gegen einen ausgewachsenen Meerschweinchenbock von eventuell 1200g winzig. Und obwohl die riesen Masse auf den Winzling drauf springt, wird dem Babyböckchen nichts passieren. Wenn man noch soviel mit dem Kleinen fühlt, eingreifen sollte man nicht. Babies sind sehr schnell und suchen ihr Heil in der Flucht. Das Bespringen dauert auch nur einen Tag bis eine Woche, dann hört das auf.

Fotos vom Kennenlernen Rottes und Dumpfbackes. Da Rotte bereits 3 Monate alt und Dumpfbacke ein Leichtgewicht war, sieht man hier keinen so deutlichen Unterschied, wie das in der Regel solcher Vergesellschaftungen jedoch der Fall ist.
Die beiden lernten sich in einem provisorischen Auslauf im Flur kennen, der nur für diese Situation aufgebaut wurde und somit beiden unbekannt war.

Rotte und Dumpfbacke VG
Ups, da läuft ja noch ein Schwein.

Rotte und Dumpfbacke VG
Eine Runde hinterher rennen bitte.

Rotte und Dumpfbacke VG
Im Kreis laufen? ...

Rotte und Dumpfbacke VG
... Nee, weg hier.

Rotte und Dumpfbacke VG
Ah, eine schmale Passage, ab und durch.

Rotte und Dumpfbacke VG
Mist, jetzt hat er mich doch.

2 Erwachsene: Möhrwin & Jean-Claude Schach

J-C Schach (1 Jahr) wurde in seiner 2. Rappelphase für die Gruppe untragbar. Er lebte dann mit Rotte zusammen, den er unterdrückte. Beide konnten einander nicht leiden. Da J-C Schach nach Möhrwin (wahrscheinlich 10 Monate) rief und auch Möhrwin Interesse an Schach zeigte durch den Zaun, probierten wir es aus.
Zu beachten ist, dass beide Bockgruppenerfahrung mitbrachten. Beide lernten während ihrer Rappelphasen akzeptables Sozialverhalten gegenüber Geschlechtsgenossen. Unerfahrene Böcke über 9 Monate Lebensalter können eher selten miteinander umgehen.

 

erwachsene Böcke

Wir setzten beide gleichzeitig in ein Provisorium von etwa 1,5 qm. Die ersten 45 Minuten passierte nichts. Möhrwin sass in einem Haus, Schach frass. Dann putzte Schach sich und ging zu Möhrwin. Nach etwa einer halben Minute flog das Haus ein Stück und Schach hetzte heraus. Weitere 45 Minuten später startete Schach seinen zweiten Versuch. Möhrwin flüchtete auf den Heuhaufen hinauf. Schach näherte sich mehrmals schüchtern an, zuckte bei Bewegung von Möhrwin jedoch sofort zurück. Ein querstehender Heuhalm erschreckte beide. Nach 3 Stunden lagen sie gemeinsam im Haus.

erwachsene Böcke

zwei Erwachsene mit Bockerfahrung

Möhrwin und Rotte

Rotte Wumm (9 Monate) und Möhrwin (ca. 14 Monate) lernten sich irgendwo im Wohnzimmer kennen, als sie gemeinsam Auslauf bekamen. Nach mehreren Stunden zogen sie in ein neues dreistöckiges Gehege von 1,6qm ein. Rotte Wumm verschwand sofort aus Möhrwins Blick. Eigentlich begegneten sie sich nur außerhalb ihres Geheges beim täglichen Auslauf. Am dritten Tag begann die eigentliche Vergesellschaftung. Möhrwin beschloss, Rotte Wumm kein eigenes Revier zu geben, sondern mit ihm die Ränge für ein Zusammenleben zu klären. Mit zunehmenden Pausen jagte Möhrwin Rotte über die Ebenen. Rotte Wumm, ein ängstlicher Bock, flüchtete. Gelegentlich stellte er sich der Auseinandersetzung. Er hob dazu den Kopf und öffnete das Mäulchen, als ob er beißen wolle, hütete sich aber, es zu tun. Manchmal zeigte er auch deutlich die Kehle mit geschlossenem Mäulchen. Möhrwin seinerseits sprang ihm in den Nacken, auf den Po und rang regelrecht mit ihm, jedoch ebenfalls ohne zu beißen. Nach ein paar Stunden lagen sie gemeinsam, Körper an Körper mit der Längsseite unter der Hängematte und zur Nacht in einem Haus. Es sah nicht wie Bewachung aus, da sie nicht Nase an Nase lagen, sondern zwischen ihren Leibern nur etwa ein fingerbreit Platz war. Jagen, Flüchten und gemeinsam Ruhen wechseln sich weiterhin ab, zumal Rotte scheinbar noch nachträglich ein wenig rappelt.
Möhrwin auf der Jagd Rotte auf der Flucht

Vergesellschaftung von Böcken mit Gruppen

1. Zwei Babieböcke zu zwei Erwachsenen

Die Erwachsenen lebten seit über 4 Jahren friedlich zusammen. Ihre Rangstrukturen waren gefestigt.
Jona und Max (beide etwa 6 Wochen alt) saßen auf Rufweite in Quarantäne. 5 Tage nach ihrem Einzug brach Max während unserer Abwesenheit aus dem Quarantänekäfig aus. Somit verpassten wir den Erstkontakt. Als wir heimkamen, war Max etwas verschüchtert, aber bereits Mitglied der Gruppe. Jona sass noch im Käfig. Da die Quarantäne durch Max Ausbruch überflüssig wurde, setzten wir Jona in die Gruppe. Ausschließlich Dumpfbacke interessierte sich für ihn. Er bestieg und jagte ihn während der ersten drei Tage.

Jung besteigt alt

Jona drehte den Spiess oft um, in dem er versuchte, Dumpfbacke zu bespringen. Das Bild ist durch die Bewegung leider unscharf geworden. Jona verstarb mit etwa 3 Monaten, wir hätten gern seine Entwicklung verfolgt.

Max kam mit allen gut aus. Schlawiner schnupperte an beiden Babieböcken, zeigte jedoch kein Bestreben, Dumpfbacke des Chefsessels zu verweisen. Die Vergesellschaftung war fröhlich. Soviel ausgelassene Freude hatten wir bei Chef Dumpfbacke lange nicht mehr gesehen. Auch Max und Jona popcornten herum und Schlawiner, zuvor ein Kuschelschweinchen, wollte das Gehege nicht mehr verlassen, wohl um am Puls der Zeit zu sein.

2. Babybock Schach kommt zur 3er-Gruppe

Da Jona verstarb und Max (4,5 Monate) niemanden zum Toben hatte, die beiden Alten (4,5 Jahre) mochten ein gemächlicheres Tempo, zog Schach (4 Wochen) ein. Dumpfbacke besprang ihn einmal. Max begann Rangkämpfe mit Dumpfbacke (siehe Rappelphase-Eifersucht). Schach und Schlawiner hielten sich aus allem raus, gingen während der Kämpfe auf Tauchstation. Schlawiner noch mehr als Schach. Dass Schach ein Neuzugang war, fiel nicht auf. Dumpfbacke leckte ihm die Ohren und den Po, verscheuchte jedoch Max, wenn dieser seinerseits Kontakt zu Schach aufnehmen wollte. Schach wiederum ließ sich lecken und schleckte von sich aus Schlawiner das Ohr. Zwischen den Alten und dem Babybock herrschte eine Art Zärtlichkeit, während Max auf Kampf ging.

3. Möhrwin kommt zur 4er-Gruppe

Möhrwin lebt anfangs im Auslauf

Am 13. Mai 2003 begann unsere erste Vergesellschaftung bereits erwachsener Böcke. Den Auslauf gestaltete ich vom Untergrund bis zur Einrichtung komplett neu. √úberall wurden Leckerein ausgestreut und versteckt. Die Alteingesessenen gingen auf Erkundung, während Möhrwin (wahrscheinlich 5-7 Monate) nach und nach alle Böckchen beschnupperte. Als er Schlawiner (5 Jahre, 6 Monate) besteigen wollte, wehrte dieser sich. Der Krach weckte Chefschwein Mäxchens (11 Monate) Neugier. Nach drei Runden miteinander Ringen schob Möhrwin ab, Max hatte sich behauptet. Dumpfbacke (5 Jahre, 5 Monate) hielt sich raus, Schach (8 Monate) war an Möhrwin interessiert, Möhrwin jedoch nicht an Schach, das blieb friedlich. Schlawiner hielt sich ebenfalls raus, verteidigte nur sein Futter. Mitunter hatten wir in der Folgezeit dennoch 5 Kampfböcke in einem Knäuel vereint, welches sich nach Sekunden auflöste und in Jagden - Möhrwin/Max, Schach/Dumpfbacke, Schlawiner/Tauchstation - endete.

Nach etwa drei Tagen war der Spuk zu Ende. Viel Jagen, viel aggressives Gebaren bei den Schweins und angeschlagene Nerven bei mir. Dann sah es so aus, als ob Möhrwin mit jedem in der Gruppe könnte. Er wohnte die ersten Tage im Auslauf und unternahm nach und nach erste Ausflüge in das Gehege.

2 Wochen später kugelten plötzlich Max und Möhrwin kämpfend durch Auslauf und Gehege. Möhrwin hatte sich nun so gut eingelebt, dass er seine Ansprüche geltend machen wollte. Nach fünf Tagen war es geklärt, Max blieb Chefschwein und hatte nun plötzlich beinah ständig Gesellschaft von Möhrwin, der um ihn herum scharwenzelte. J-C Schach weilte auf Tauchstation, Schlawiner blieb auf der ersten Ebene, die er gegen jeden verteidigte, war ansonsten friedlich. Dumpfbacke lebte vorübergehend nicht in der Gruppe.

 

4. Rotte kommt zur 3er-Gruppe

In das komplett umgestaltete Gehege setzten wir zuerst Rotte (7 Monate), danach die anderen 3, Schlawiner (5 Jahre, 11 Monate), Dumpfbacke (5 Jahre, 10 Monate) und Max (1 Jahr, 4 Monate), in der Reihenfolge, in der wir sie zu fassen bekamen. Sie stürzten sich komplett auf das Futter. An Rotte wurde nur im Vorbeigehen mal geschnuppert, Rotte selbts hielt ein wenig Abstand, brommselte niemanden an und klapperte auch nicht mit den Zähnen. Es wäre möglich, dass dies so verlief, weil die drei mehrfach Erfahrungen mit Neuzugängen sammeln konnten, Rotte von Selbstvertrauen keine Spur zeigt und alle bereits seit über einer Woche Schnupperkontakt durch einen Zaun hatten.
Der erste Tag verlief ruhig, Rotte durfte mit den anderen futtern. Max und Dumpfbacke bekamen sich einmal kurz in die Wolle. Rotte blieb dauerhaft in Dumpfbackes Reich und wurde dessen Rudelmitglied. Max gegenüber zeigte er Respekt und lief davon. Als Dumpfbacke erkrankte und kurz darauf verstarb, holte Max sich Rotte als Untertan, was dieser mit grosser Ängstlichkeit quittierte. Die gesamte Vergesellschaftung verlief ohne Kampf, wenn man von der einen sehr kurzen Klärung zwischen Dumpfbacke und Max absieht.

Novella Calow - www.salatgurken.net