Geschichten

Alle Rechte an diesen Geschichten/ Gedichten liegen bei Novella Calow (siehe Impressum). Veröffentlichung/ Vervielfältigung ohne Einverständnis ist nicht gestattet.

Inhalt:

Oma Nanni - eine Episode

Des Großen Gurkenmanitous Schützlinge

Schweinachten 2002

Nagetiere

Baustelle: Bildergeschichte "Die versuchte Vergesellschaftung"(Seitenwechsel)

Oma Nanni - eine Episode

Nanni saß etwas unpässlich vor ihrem Häuschen. Also holte ich sie zum TÜV. Anschließend steckte ich ihr den Belohnungsböller zu. Da stand sie nun auf der Decke, den Böller in der Schnute, den Kopf gereckt, mitten im Nirgendwo. Sie wirkte keineswegs ratlos, sondern abwartend. Ich das Schwein angeguckt: Was will sie denn? Und dann ging ich los, holte eine 2. Decke aus dem Schrank, baute daraus eine Höhle. Noch während ich drappierte, marschierte Nanni hinein. Sie legte den Böller ab, streckte die Schnute aus ihrer Höhle heraus und der Blick aus ihren großen Kulleraugen richtete sich geduldig auf mich.

Höhle aus Decken mit Meerschweinchen

Ich Schwein angeguckt: Was will sie nun? Hm, ich griff auf die Ablage, holte den Gurkenrest und bot ihn an. Nanni nahm ihn, langsam, legte ihn in ihre Höhle und streckte mir die Schnute entgegen. Immer noch völlig geduldig, aber in keinster Weise weniger abwartend als bisher. Ich, ihr wisst schon, Schwein angeguckt, meine Frage gestellt, dann holte ich eine Möhre und reichte sie an. Nanni zerrte sie in die Höhle. Danach waren nur noch Schmatzgeräusche zu hören, aber nichts mehr zu sehen außer der drappierten Decken.

Eine halbe Stunde später schaute ich in die Höhle, ganz vorsichtig, weil ich nichts mehr hörte. Ich fand ein paar Möhrenschredder mit Kötteln verziert, Krümel von (dann bereits) 2 Böllern verstreut, mittendrin ein Pipifleck und ein kleines Stück daneben ruhte Oma Nanni mitten in einem Verdauungsnickerchen.

Stuttgart, 24.07.2009

Des Großen Gurkenmanitous Schützlinge

Drei Leben für die Liebe

Alle Meerschweinchen auf der Welt werden geboren, haben einen Vater, eine Mutter und meist auch Wurfgeschwister. Doch wenn der Papa mit der Tochter und der Tochter-Tochter unkontrolliert, unachtsam und immer weiter inzestiös Babies zeugt, dann erbricht diese muntere Inzucht kranke Tiere. Sehnix wurde in diesem Sinne irgendwo in Deutschland unachtsam in ein Kinderzimmer gekotzt. Leere Augenhöhlen sind ihr äußeres Stigma.

Sie kam zu einer jungen Gören, ihres Standes Azubine. Dort im Jugendzimmer vor der Stereoanlage lebte und bebte sie im Käfig mit einer Häsin zusammen. Faulheit stinkt zum Himmel. Wie nervig. Die Göre brachte recht bald die stinkenden Viehchter in die Garage. Nach der Fülle von Sinnesreizen saßen sie nun also in der Stille und auch das Futter blieb manchmal weg. Aus den Augen geräumt, fällt das Vergessen leicht. Doch die Göre hatte noch nicht ganz vergessen - vielleicht weil Sehnix’ stimmlich sehr laute Äußerungen ein aus den Ohren fast unmöglich machten - jedenfalls erzählte sie einer hasen-haltenden Berufsschulkollegin von den beiden und war froh, als diese die beiden Garagenbewohner abholte.

Hasi bekam einen Hasenmann und blieb für immer bei der jungen Frau. Sehnix erhielt erst einmal ihren Namen. Dann holte die junge Frau, die mit der Göre nichts weiter zu tun haben wollte, eine alte, einsame Meerschweinchendame, die im Hasenstall einer Oma saß, seit deren Enkelin keine Lust mehr auf’s Schwein hatte. Diese alte Dame, nicht die Oma, sondern das Schweinchen, verstand sich leider überhaupt nicht mit Sehnix. Die junge Frau sah betrübt, dass es nicht klappte und suchte Rat. Da sie selbst als Hasenhalterin keine weiteren meerschweinischen Vergesellschaftungsversuche starten konnte, inserierte sie nach einem idealen Zuhause.

Die alte Schweinedame zog in eine Truppe um, in der sie von den anderen Schweinchen wohlwollend aufgenommen, meerschweinische Verhaltensweisen wieder erlernen konnte. Die etwa 6 Monate alte Sehnix erhielt von der ebenfalls mit leeren Augenhöhlen auf die Welt gekommenen Sokil einen Crashkurs in gutem Benehmen. Als Sokil bald darauf und viel zu jung starb, fehlte Sehnix die Freundin sehr, aber ihre anderen neuen Schweine-Kumpels standen an ihrer Seite. Sie warteten immer, bis Sehnix tastend feststellte, welche Körperhaltung die Kumpels jetzt schon wieder innehatten, um herauszufinden, wie sie nun reagieren sollte und zu überlegen wie sie gern reagieren wollte. Schnell bekam sie Übung und auch das Laufen, welches ihr zu Beginn schwer fiel, weil ihr Po so oft einfach seitlich wegkippte, wurde immer besser. Anfangs noch ängstlich bei Veränderungen in der Wohnung, lief sie bald sicher und mutig, schnüffelnd und lauschend durch die Welt.

Tja und so konnten wegen einer einzigen jungen Frau die drei liebenswürdigen Gestalten Hasi, Sehnix und die alte Schweindame gesellig untergebracht und bis an ihr Lebensende behütet werden.

Stuttgart, 2006/2009

Das große Bautz

Es war einmal ein eineinhalbjähriges, mickrig kleines Meerschweinchen namens Bienchen. Sie wurde in einem Käfig der Größe Transportbox von der Mama des kleinen Besitzers bei einer Pflegestelle abgeladen und begann so eine Reise, die zu einer schweren Probe führen sollte. In der Pflegestelle tat sie sich sofort hervor. Als erstes biss Bienchen die Pflegerin dermassen kräftig in den Finger, dass die Blutung immer wieder aufbrach und anschließend suchte sie sich aus dem Frischfutter den Salat als einzig Genießbares heraus. Auf Grund dieser Vorliebe verwundert es nicht, dass sich alsbald das 2Bein der Salatfresserchen meldete und von Seiten der Pflegestelle einem Umzug nichts im Wege stand.

Ab den ersten Tagen im neuen Heim benahm sie sich wie ein vorsichtiger Rabauke, der richtig viel Rabatz machte, wenn irgend etwas nicht in seinem Sinne lief. Wenn die Meerschweinchen zum Beispiel frisch gepflückte Wiese frühstückten, aber die beiden Wellensittiche von nebenan ein Salatblatt gereicht bekamen, dann fiel dieser kleine Mickerling fast aus dem Gehege und dem 2Bein schlackerten die Ohren, so regte sie sich über diese Ungerechtigkeit auf. Der Name Rabautzi, als Verschmelzung von Rabauke mit Rabatz, traf des Schweinchens Kern. Aus Bienchen ward Rabautzi.

Rabautzi quer im Zimmer liegend

Alle fanden schnell heraus, dass Rabautzi nur dann knappte, wenn man sich von rechts näherte. Frau Dr. Schreck* stellte darauf angesprochen fest, das rechte Auge ist blind. Nicht desto trotz musste sie gerade jetzt ihre schwere Probe bestehen. An Gewicht und Größe hatte sie zugelegt, durch ausgiebige Erkundungen an Sicherheit gewonnen und von Artgenossen eingewiesen, konnte sie sich gegen alles behaupten, was bisher geschah. Aber dieses gewachsene Meerschweinchen stellte sich nun dem Grausamsten des Grausamen. Sie kämpfte tagelang mit immer neuem Mut, wie es nur die ganz Großen vollbringen, und vernichtete letztendlich die gefürchtete Hieb- und Stichwaffe bis von deren schauerlicher Gestalt nichts mehr übrig war. Sie siegte. Nie wieder würde eine Mohrrübe ihr weh tun, denn sie, die große Rabautzi, fräße sie einfach auf.

So gestärkt, spielte sie mit Salat- und Snackball, ging auf Entdeckungstouren in 2Beins Grünpflanzen, kletterte vom Boden auf die Sitzfläche der Couch zu den Erbsenflockenhänden und schlief lang ausgestreckt als Verkehrsinsel mitten im Zimmer. Ab und zu war sie ziemlich genervt, von wegen Haarwirbel aus den Augen schneiden oder gar Krallen von den Pfoten. Es gab einen Plauz, sie hielt energisch doch sanft einen Finger zwischen den Zähnen, schaute unnachgiebig in 2Beins Augen - das große Bautz war geboren.

*Name geändert

Heidelberg, 01.11.05

PS Nach einiger Zeit reagierte Bautz's rechtes Auge wieder und sie kann nun damit in die Welt blicken. Was war, wissen wir nicht.

Möhrwins Leben

Wo und wann ich geboren wurde, das weiß ich nicht. Aber mein bisheriges Leben als Meerschweinchen reicht bereits aus, um eine Geschichte zu erzählen.

Es beginnt im grauen, regnerischen Herbst. Ich döse im Käfig vor mich hin, versuche von meiner Frau etwas abzurücken, weil sie zickig ist in letzter Zeit. Nur Abrücken geht schlecht, denn ich liege bereits am Gitter und sie auf der anderen Seite auch. In ihrem Bauch wachsen meine Kinder, mittlerweile ist sie so dick, dass wir uns kaum noch drehen können, aber das müssen wir auch nicht, denn das 2Bein wirft uns das Futter sowieso vor die Nase. Ab und zu beißen wir nach einander, nicht schlimm, nur weil es so eng ist. Meine Frau wird unruhig und rempelt mich an, als sie ihre Nase zum Po streckt. Ich schaue nach, was sie tut, da guckt mich ein kleines Fellbündel an. Sie schiebt es zur Seite, leckt es trocken und dann kommt bereits mein zweites Kind zur Welt. Als sie fertig ist, hocken wir zu sechst da. Echt eng. Die Babys gehen mir auf die Nerven. Ich beiße sie weg. Sie quieken erschrocken und stolpern übereinander, über sich selbst und über uns. Als das 2Bein das sieht, hat es Erbarmen und holt wenigstens eins der Babys weg. Wohin weiß ich nicht, denn ich bin beschäftigt. Meine Frau riecht so gut. Ich bespringe sie, dass ich dabei auf die Kleinen trete, interessiert mich nicht.

Die Kleinen wachsen, es ist einfach kein Platz für sie da, ich beiße sie, sie fürchten mich. Aber sie können mir nicht aus dem Weg gehen. Nach einer viel zu langen Zeit zeigt sich das 2Bein wieder verständnisvoll und holt noch eines von den Kleinen weg. Ich bin froh, denn meine Frau wird auch schon wieder dicker und die restlichen 2 Babys sind nicht mehr viel weniger als ich. Mein einer Sohn fängt jetzt auch an, zurück zu beißen. Ich bin stärker, er blutet mehr als ich. Es dauert noch eine halbe Ewigkeit, doch irgendwann hat das 2Bein alle Babys geholt und fort gebracht. Zwischendurch hatte ich ein wehes Auge, aber es schmerzt nicht mehr, auch wenn ich damit kaum noch etwas sehe. Es ist in Ordnung und ich döse im Käfig vor mich hin, versuche von meiner Frau etwas abzurücken, weil sie zickig ist in letzter Zeit. Nur Abrücken geht schlecht, denn ich liege bereits am Gitter und sie auf der anderen Seite auch. In ihrem Bauch wachsen meine Kinder, mittlerweile ist sie so dick, dass wir uns kaum noch drehen können, aber das müssen wir auch nicht, denn das 2Bein wirft uns das Futter sowieso vor die Nase.
Ab und zu beißen wir nach einander, nicht schlimm, nur weil es so eng ist. Meine Frau wird unruhig und rempelt mich an, als sie ihre Nase zum Po streckt. Ich schaue nach, was sie tut, da guckt mich schon wieder eine Fellnase an. Sie stupst das Baby zur Seite und leckt es trocken. Ich will es beißen, aber sie beschützt es. Als sie fertig ist, hocken wir erneut zu sechst da. Das 2Bein kommt spät, es freut sich und ich freue mich auch, weil es sofort das größte Baby fort holt. Mittlerweile hat meine Frau wieder so geduftet und ich konnte nicht anders.
Wie oft das so geht, weiß ich nicht. Nur eines Tages wird es anders. Es kitzelt ganz fürchterlich und ich kratze. Und ich kratze so oft, dass ich blute. Meine Frau und die, ich weiß nicht wievielten, Kleinen jucken sich auch. Überall im Käfig liegen Fellbüschel herum. Wenn wir uns berühren, tut es weh und wir verbeißen uns ineinander, dabei kommen wir aber immer an das Gitter und dann schmerzt es noch mehr. Wir kämpfen miteinander und legen uns anschließend erschöpft hin. Das 2Bein holt niemanden mehr aus dem Käfig. Zu fünft sitzen wir da und kratzen, bluten, kämpfen.

Dann kommt ein anderes 2Bein. Es nimmt unseren Käfig. Schaukelnd trägt es uns weg. Jedes Schaukeln löst Krämpfe bei mir aus, weil es so juckt und schmerzt. Ich liege zuckend da und kann nichts mehr machen. Eins der Kinder kugelt über mich, es tut weh, aber ich beiße es nicht, ich zucke nur, ohne es zu wollen. Irgendwann hört das Schaukeln auf. Ich bin so müde. Ein 2Bein holt mich aus dem Käfig, dann kommt ein anderes 2Bein und noch eins. Plötzlich stinkt es um mich herum ganz schrecklich und mein ganzer Körper brennt. Meine Augen tränen. Ich zucke müde. Später finde ich mich in einem Käfig wieder. Er ist größer, viel größer und nur eins meiner Kinder ist da. Es gibt auch Futter, richtig duftendes Heu und Möhren, mir läuft das Wasser im Mund zusammen, aber ich bin so müde. Ein großes und ein kleines 2Bein stehen in der Nähe und schauen zu mir.

Möhrwins Blumenkohlaugen-Seite

Sie reden und erzählen, dass zwei meiner Kinder tot sind. Sie sagen zu mir, ich solle mich anstrengen, wenn ich gesunde, wartet ein schönes Leben auf mich. Ich schlafe ein. Als ich aufwache, merke ich, dass es nicht mehr juckt und ich fühle mich auch besser. Das duftende Heu liegt noch da, ich gehe mehrere Schritte, so weit muss ich laufen, um hin zu gelangen. Meine Nase saugt den Duft und ich futtere. Als ich umkippe, bleibe ich einfach liegen und mümmele weiter Heu. Dann kommt das große 2Bein und holt mich heraus. Ich will weglaufen, aber ich bin schon wieder müde, so müde. Das 2Bein bettet mich in einen Arm und dann wird es auf meiner geschundenen Haut kühl, angenehm kühl. Es dauert etwas, weil sie überall, wo ich kein Fell mehr habe, das Kühle aufbringt und anschließend setzt sie mich wieder zu meinem Sohn in den großen Käfig mit dem duftenden Heu. Ich bin geschafft und schlafe ein.

Nach einiger Zeit nimmt das große 2Bein mich wie immer aus dem Käfig. Aber diesmal steigt sie mit mir Treppen hinunter. Plötzlich sind wir an einem Ort, wo die Luft in Bewegung ist und verführerisch duftet. Sie setzt mich auf etwas grünes, welches sie Wiese nennt und sagt, dass das Gras jetzt im Frühling am zartesten wäre. Dort begegne ich zwei fremden Meerschweinchen. Sie kommen an und ich muss kämpfen. Aber ich will nicht kämpfen und sage ihnen das. Die Wiese kann man fressen und sie schmeckt. Auf die nackte Haut und das Fell scheint mir die Sonne. Ich freue mich, jetzt verstehe ich, was das große 2Bein mit einem schönen Leben gemeint hat. Mit den Hinterbeinen stosse ich mich kräftig ab, die Vorderbeine fliegen in die Luft, ich vollführe eine Drehung und lande wieder im saftigen Grün. Das ist toll. Wie angestochen hopse ich über die Wiese. Müde bin ich schon lange nicht mehr.
Als die Dämmerung beginnt, komme ich mit den beiden anderen in einen großen Stall. Dort stehen Häuser, liegen Zweige und viel Futter für die Nacht. Doch bevor die Nacht beginnt, will mich das kleine 2Bein wegholen. Ich rase davon und verstecke mich. Das kleine 2Bein erwischt mich aber. Sie schmiert meine Haut mit dem Kühlen ein. Zu meiner Freude darf ich danach in den großen Stall zurück. Wie wild rase ich herum, erkunde und schlafe irgendwann trotz der vielen fremden Geräusche ein.
Das große 2Bein bringt mich lächelnd zu einem Weißkittel. Dunkel erinnere ich mich, dass ich dort schon einmal war, aber wann, das weiß ich nicht. Der Weißkittel lächelt auch, er lobt das große 2Bein und streichelt mir kurz über die Nase. Dann darf ich zurück in die Kiste und später zurück in den Stall.

Kurz darauf kommen das große und das kleine 2Bein mit zwei fremden 2Beinern in den Stall. Alle sehen uns an. Mich stört das nicht, denn das eine andere Schweinchen hat gerade ein Stück Möhre gefunden, welches ich für mich versteckte. Also muss ich es mir zurück holen. Doch plötzlich, ich bin wirklich beschäftigt, packt das kleine 2Bein mich und nimmt mich auf den Arm. Ich schaue mich um, die fremden 2Beins riechen nach anderen Meerschweinchen. Nach Meerschweinchen, die ich nicht kenne. Aber eigentlich, nein, es interessiert mich nicht. Ich will zu meiner Möhre. Doch das kleine 2Bein setzt mich auf einen der fremden Arme und das zweite unbekannte 2Bein streckt mir seine Nase entgegen. Dann guckt das Nasen2Bein mich an, von allen Seiten und aus allen Perspektiven. Es nickt, sagt etwas und das Arm2Bein mit mir antwortet. Nun sitze ich ganz allein in einer Höhle, die etwa so groß ist wie früher der Käfig, in dem ich mit meiner Frau lebte. Es beginnt zu schaukeln, als das aufhört, beginnt es zu brummen. Lange brummt es und dann schaukelt es wieder. Letztendlich sitze ich dann in einem Käfig wie jenem, in welchem ich mit meinem Sohn das duftende Heu fraß, aber viel kleiner als mein Stall und außerdem bin ich allein. Eine Wiese sehe ich auch nicht. Ich sehe überhaupt nichts, weil ich mich in einem Haus verstecke.
Die fremden 2Beins sagen mir dann, dass ich zum Weißkittel soll und danach auf Sichtweite zu den Meerschweinchen komme, die ich höre. Mir gefällt das alles nicht.
Nach ein paar Dunkelheiten gewöhne ich mich an die Geräusche. So schlecht ist es hier gar nicht. Mehrmals am Tag bekomme ich Futter und einmal ist das immer ein Berg Wiese. Mittlerweile steht mein Käfig so, dass ich andere Meerschweinchen sehen kann. Vom Geruch her alles Jungs. Einer ist sehr neugierig, der knabbert an meinen Gitterstäben und will zu mir. Ich halte etwas Abstand. Aber als der Schutz nicht kaputt geht, schnuppere ich an seiner Nase. Dann verschwindet der Käfig und ich lebe mit vier anderen, viel größeren Schweinejungs zusammen. Max regiert hier, also kämpfe ich mit ihm.
Nur ist er so stark, dass ich aufgebe. Zwei von den Jungs sind alt, der eine zählt nicht und der andere ist langweilig. Der neugierige ist zwar jung, aber hat nichts zu sagen. Max ist der, der mich interessiert und so bin ich immer in seiner Nähe. Aber keiner darf mir zu nah kommen. Ich brauche Platz und wenn einer das nicht begreift, dann bekommt er Ohren, wie ich sie habe, mit Sägezähnen oder ich beiße ihn so in die Lippe, dass er nicht mehr fressen kann. Sie kapieren es, ich muss kaum kämpfen. Hinter Max bin ich noch eine Weile her, weil er stärker ist, aber auch wehleidig. Ich beiße ihn oft, nach und nach werde ich dadurch Chefschwein, denke ich. Nur, da lebt noch dieser alte Bock, der nicht zählt, weil er zurück gezogen lebt. Jetzt zählt der. In seinem Reich darf ich nämlich nicht stänkern. Der ist nicht wehleidig, dafür zäh und ich habe begriffen, dass er in mein Reich nicht kommt und ich in seinem nichts zu sagen habe. So leben wir nebeneinander friedlich.

Möhrwin mit einer seiner vielen Mören

Brommseln mache ich lieber mit Max und ab und zu mit dem langweiligen Opa, der in meinem Reich rumdöst. Der neugierige Jüngere ist nicht mehr da, ich rieche und höre ihn sowie einen Fremden, kann die aber nicht finden. Der Neugierige rappelte vor kurzem unnachgiebig heftig, was meine Chance war. Denn Max versteckte sich ängstlich, mag nun nicht mehr kämpfen. Deswegen bin ich Chefbock und der Jüngere ist weg.
Auf die Wiese, die ich in der ersten Zeit gar nicht sah, darf ich manchmal mit Max und den Opas zusammen. Die 2Beins holen uns raus, wenn das Wetter gut ist. Was Wetter ist, weiß ich nicht. Dafür kenne ich jetzt Dinge, die ein schönes Leben ausmachen, zum Beispiel Möhren, Rennstrecken, Petersilie und Schlafhäuschen, Kuschelröhren und außerdem bekam ich mit der Zeit wieder richtig glänzendes, weiches, volles Fell. Die vielen Narben sieht man nur, wenn man mich knuddelt, was ich ab und zu gern mag. Dann erzähle ich den 2Beins immer, wie mein Tag war und sie reden auch mit mir. Dadurch erfuhr ich, dass meine Frau ebenfalls überlebte und ein schönes Zuhause fand. Der einzige Sohn von mir, der lebt, war noch klein und durfte als erster ins neue Heim. Alle meine anderen Kinder starben. Meine 2Beins sagen, die vielen Babys hätte man einer Schlange gegeben, die die so gern frass wie ich Möhren, nur Möhren würden sich nicht dort vermehren, wo es ihnen nicht gut geht. Letzteres habe ich nicht verstanden, aber ich liebe diese Rüben.

Ja, das war meine bisherige Geschichte. Meine 2Beins sagen, dass sie gespannt sind, wie ich alt werde. Ob ich dann immer noch so viel kämpfe und beiße und mein Futter überall verstecke. Sie erzählen auch, dass ich unglaublich bin, weil ich so schnell lerne und immer auf Entdeckungsreisen gehe, alles genau untersuche und mich überall zurecht finde, obwohl ich fast einäugig bin.

erzählt am 04.07.03 in Zwergenhausen meinem Daheim in der 2Bein-Stadt Saarbrücken.

Möhrwin starb im Januar 2006. Bis dahin hatte er sich zu einem ausgeglichenen Wonneproppen entwickelt, der immer gut drauf war, schlechte Tage nicht kannte. Möhren, sein Weibchen und Rennstrecken mehr brauchte er nicht zum Glücklichsein.

Schweinachten

- anno 2002 -

Tannenharzduft in allen Räumen,
lässt ältere Meeris vom Futter träumen.
Aufgeregt wuseln sie durch die Wohnung,
denn zu Ende ist die Blautannenschonung.

Auch Äpfel, Dill und Gurken
haben sie schon geborgen.
Und wo niemals Leckerlis lagen,
gibt es sie reichlich in diesen Tagen.

Es riecht so gut aus verschiedenen Kisten,
mit den Zähnen kann man 2Beins überlisten.
Man packt ganz einfach die Kisten aus
und fertig ist schon der Festtagsschmaus.

Auch die Babyschweinis schon groß, noch klein
Entdecken: Ja, die Weihnachtszeit ist fein.
Denn im Gänsemarsch den Alten hinterher,
dann schnell überholt, ist doch gar nicht schwer.

Der Schach, o je, der ist noch zu klein,
fällt fast in den Weihnachtsbaumständer hinein.
Chefschweini schubst ihn gerade noch weg,
kommt er davon mit einem Schreck.

Doch Entdecker, der der Kleine ist,
findet er die Orange, die er alleine frisst.
Chefschweini kommt, muigt, du bist ein Depp,
die Schale muss doch vorher weg!

 

Meerschweinchen fressen Weihnachtsbaum

Schach schließt sich wieder den Alten an,
weil er von denen lernen kann.
Alle schmausen nun friedlich beinander
Fröhliche Schweinacht auch allen andern!

Die Salatfresserchen Schlawiner, Dumpfbacke, Mäxchen & Schach

Saarbrücken, Weihnachten 2002

Nagetiere

Die beiden Meerschweinchen Dumpfbacke und Schlawiner sowie die 3 Rennmäuse Faulpelz, Drummer und Ups lebten bereits eine Weile bei mir, als ich das Internet entdeckte. Um den heimischen PC fit zu bekommen, musste eine Modemleitung her. Diese legte ich an der Wand unter die Auslegware, führte sie hinter dem Regal entlang in den Flur zur Telefonbuchse. Dort wo die Leitung offen über die Türschwelle führte, klebte ich Teppichband darüber. So gesichert, dachte ich, kann einfach nichts passieren.

Rennmaus und Meerschweinchen vom Gitter getrennt

Die erste Attacke
Die Rennmäuse erhielten im Flur Auslauf. Wie immer setzte ich mich dazu und beobachtete, wie sie das Schuhregal hinauf kletterten, meine Stiefel von innen erkundeten und gelegentlich quer durch den Raum rasten, die dort ausgelegten Kartons und Röhren durchstreiften, um im Zustand des Hungers mal eben auf meinem Schoss vorbei zu schauen. Zwar steckte meine Nase nebenbei in einem Buch, jedoch glaubte ich, meiner Aufsichtspflicht nachzukommen.
Am Abend wollte ich mich dann ins Netz begeben. Pustekuchen. Die Fehlermeldung lautete: Modem empfängt kein Trägersignal. Nachdem ich Modem und Stecker überprüfte, kontrollierte ich Zentimeter für Zentimeter die Leitung. Im Flur begonnen, wurde ich sehr schnell fündig. Auf der Türschwelle war auf 5 Zentimeter Länge sowohl das Teppichband als auch die äußere Isolation abgenagt und die innere Isolation einer der vier Strippen auch. Und weil es so schön ist, ragten mir dann noch gekappte Drähte entgegen. Zum Glück waren alle drei Mäuse nach dem Auslauf mobil wie immer und die Leitung etwas länger als nötig, so dass ich sie flicken konnte.

Die zweite Attacke
Wieder abend und wieder wollte ich ins Netz und bekam schon wieder diese Fehlermeldung. Also begann ich gleich im Flur mit der Kabelkontrolle. Tastete mich vor, langte im Wohnzimmer an. Nix. Ein Schaden unter der Auslegware? Mit der Taschenlampe machte ich mich auf die weitere Suche. Am Fusse des Bücherregals blitzte dann das blanke Metall. Nagespuren an der Auslegware wiesen auf die Methode hin. Ich zog an der Leitung und zerrte etwas, aber kein Spielraum mehr, keine zusätzliche Länge, um den Schaden zu flicken. Eine neue Leitung musste her. 21 Uhr abends - nicht möglich. Frustriert sah ich mich im Zimmer um. Unter dem Schreibtisch blitzte es ebenfalls, zwei Augen, frech, voller Schalk und dann kam tapp-tapp-tapp Schlawiner angewackelt, um seine Belohnung abzuholen.

Leipzig, Herbst 1999

[Novella Calow]